Der Geiz des Gebens

In meiner Familie ist es üblich zu geben. Zum sinnbildlichen „letzten Hemd“ fällt mir folgende Geschichte ein.
Meine Tante besuchte uns und machte meiner Mutter ein Kompliment für deren schöne Bluse. Auf der Stelle zog meine Mutter das neue Teil aus und schenkte es ihr. So erbte auch ich das Gen des Gebens und verschenkte schon als Kind meine Lieblings- (!) Spielsachen.

Ich glaube, Leute, die immer nur geben, sind davon überzeugt, immer das Richtige zu tun und es fällt ihnen schwer, etwas anzunehmen.

Als ich mit meinem Mann in Indien war, verstand ich erst wie wichtig das Nehmens ist. Als wir eine Einladung ausschlugen, weil wir grade gegessen hatten, sagte Cital, die Mutter unsere Gastfamilie „ich möchte Euch gern etwas geben, bitte gebt mir eine Gelegenheit.“ Augenblicklich verstand ich, dass ich oft erwartete, helfen, schenken und einladen zu können und anderen Menschen diese Freude verwährte.

Ich lernte, dass zum Einen auch das Andere gehört. Heute nehm ich auch mal ein Stück Kuchen an, obwohl ich grad auf Diät bin. Einfach der Freude wegen. Über die Zeit wurde mir klar, dass ich lange zu geizig war, auch mal eine Freundin um Hilfe zu bitten. Geizig deshalb, weil es schön ist zu geben und man nicht genug davon kriegen kann. Ich beobachte, dass Menschen, die immer nur „dienen“ insgeheim glauben, sie ver-dienen damit irgendetwas. Sie werden immer wieder enttäuscht, weil ihre Mitmenschen sich daran gewöhnt haben, dass die Gebenden eben nur geben und ohnehin keine Hilfe oder Anderes annehmen.

zum Geben gehört auch Nehmen

Die Yogis sagen, in einer Sache steckt immer auch die Energie des Gegenteils drin.

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11 Kommentare zu „Der Geiz des Gebens“

  1. Liebe Su

    Geben ist seeliger denn nehmen, und daraus wurde dann der Geiz des Gebens.

    Deine Ausführungen finde ich wirklich wichtig. Ich begegnete in meinen Kursen immer wieder Menschen, die sich als immer Gebende sahen, und nicht realisierten:
    ohne den Nehmenden funktioniert das nicht. Der Nehmende SCHENKT dem Gebenden die Chance, zum Gebenden werden zu dürfen.

    Und immer wieder ist es eine Frage des Gleichgewichts.

  2. Pervertierung von Altruismus ist im Kern egoistisch. Analog dazu kann man sagen, dass Pervertierung von Enthusiasmus hin zu Leidenschaft, Passion, diesem gruusig-religiös gefärbten Begriff, im Kern entmutigend statt inspirierend ist. Sauberer Post, danke für’s Geben 🙂

  3. Schöner Beitrag, unter diesem Gesichtspunkt des Geizes im Geben habe ich es noch nie gesehen. Doch dürfen wir auch vesöhnlich sein, groß geworden zu sein mit den Sprüchen wie „Geben ist seeliger als Nehmen“. Es ist die Suche nach der Mitte, eben, wie im Geben und im Nehmen. Kann einen doch nur optimistisch stimmen, denn glaube ich sind wir noch nicht zu alt, auf diesem Feld noch große Lernerfolge erzielen zu dürfen.

  4. Liebe Su
    Ja so ist es – Geben und Nehmen gehören zusammen und bedingen sich Gegenseitig.
    Nur sind sich die Menschen dessen, micht bewusst. Ich selber war ein Naturtalent im Nehmen, wenn nur noch ein Stück Kuchen da war, wusste ich, das bekomme ich. Nur it meinen Gedanken, habe ich das gesteuert, da war ich noch sehr jung und beherschte das unbewusst. Heute lebe ich bewusster und lerne heute das Geben, obwohl mir das noch manchmal schwer fällt. Umgekehrt als Du, kann ich heute durchaus, auf ein Stück Kuchen verzichten. Die Grundlage ist unsere Gier und unser Egoismus, wenn wir diese überwinden. dann wird Geben und Nehmen zum Kinderspiel
    Liebe Grüsse zentao

    1. Zum Glueck haben wir die Chance, dazu zu lernen. Danke fuer Dein Kuchenbeispiel, das gefaellt mir, Essen und auch die Gewohnheiten damit scheinen gute Beobachtungsobjekte zu sein. Viel Freude weiterhin (mit Zentao?), werd mal auf Deinem Blog vorbei kucken.

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